Welche Geschichte erzählen Sie über sich?

Ich habe dieses Wochenende begonnen, die Autobiografie von Michelle Obama zu lesen. Ich mochte sie als First Lady und vermisse sie und Barack Obama nicht nur wegen Trump. Nun war ich gespannt, was sie über ihr Leben und über die Zeit im Weißen Haus schrieb.

Ich habe das erste Drittel des Buches gelesen, bis zu der Zeit als sie und Barack Obama sich verlobten, von Präsidentschaft ist da noch keine Rede. Doch zwei Dinge sind mir bewusst geworden:

Zum einen das Narrativ, das ich als typisch empfinde für amerikanische Biographien, speziell von Frauen und auch von schwarzen Frauen. Dabei habe ich noch die Autobiografie von Hillary Clinton und von Shonda Rhimes im Kopf, der Erfinderin von Greys Anatomy. Es ist das Narrativ von Leistung, Wettbewerb, Fokus, Zielstrebigkeit und wenn es Zweifel gibt, dann sind sie dazu da besiegt zu werden. Es ist die Idee, mit der nötigen Anstrengung alles schaffen zu können, auch wenn das Geschlecht oder die Rasse es einem schwerer machen. Deutsche Biografien empfinde ich anders, wobei mir auffällt, dass ich hier bislang ausschließlich Biografien von Männern gelesen habe. Die Autobiografie von Angela Merkel muss ja erst noch geschrieben werden.

Zum anderen habe ich mir die Frage gestellt, was würde ich in meiner Autobiografie schreiben? Nun ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich das jemals tun müsste, ziemlich gering. Doch mal angenommen, was würde ich da schreiben? Was wollte ich über meine Kindheit, Jugend, darüber, wie ich zu der geworden bin, die ich bin, berichten? Eine Geschichte, die ich gern erzähle, weil sie in meinen Augen mein Leben entscheidend geprägt hat, ist darüber, wie ich zu Latein als erster Fremdsprache kam:

Ich war ziemlich gut in der Grundschule und bei der Anmeldung fürs Gymnasium wurden meine Eltern daher gefragt, ob sie mich nicht für die Lateinklasse anmelden wollten, wo noch nicht genügend Schüler zusammen waren. Doch bei meinen Eltern stand die Sicherheit im Vordergrund. Würde ich das Gymnasium nicht schaffen, könnte ich mit Englisch als erster Fremdsprache jederzeit auf die Realschule wechseln. Damals gab es noch nicht den Hype ums Gymnasium. Wir waren in meiner Klasse genau drei, die aufs Gymnasium wechselten: eine Unternehmertocher, wo der Weg vorgezeichnet war. Die Tochter einer Lehrerin und ich – Kind eines Angestellten. Wir alle hatten sehr gute Noten. Doch es hätten sicher noch einige meiner MitschülerInnen in Richtung Abitur gehen können. Aber auf dem Land in den 70ern war das nicht üblich, schon gar nicht für Mädchen. Auch meine Mutter wurde desöfteren gefragt, ob sich die Schulbildung denn für mich lohnen würde, als Mädchen würde ich ja sowieso heiraten. Meine Mutter antwortete dann: „Sie hat das Zeug dazu und ich will ihr nicht im Weg stehen.“ Danke, Mama!

Zurück zur Geschichte: Als ich am nächsten Tag in die Schule kam, fragte mein Klassenlehrer mich über die Anmeldung aus und ich erzählte von der Lateinklasse. „Was ich denn einmal werden wollte“, wollte er wissen. Und ich antwortete „Tierärztin.“ Worauf er meinte, da wäre Latein als erste Fremdsprache quasi Pflicht. Und so kam es, dass ich doch noch mit Latein begann. Warum die Geschichte für mich einem Wendepunkt gleichkam?

Für mich als Landkind eröffnete sich damit eine neue Welt: Das Gymnasium war für den ganzen Landkreis, mit etwa 1300 SchülerInnen ziemlich groß, und während die anderen Klassen nach Orten zusammengestellt wurden und damit relativ homogen waren, war es in der a-Klasse (wir blieben auch bis zur Kollegstufe zusammen) anders: Kinder von Ärzten, Pfarrern, Anwälten, Unternehmern waren genauso in der Klasse wie Kinder von Arbeitern und Angestellten, aus der Stadt und vom Dorf. Es war eine bunte Mischung, vielfältige Lebensentwürfe, schon die ersten Patchworkfamilien. Ich bekam Zugang zu Theater, Musik und Literatur. Und da mich und auch meine Eltern in dieser Klasse noch niemand kannte, konnte ich ganz neu meinen Platz finden, mich ausprobieren. Dazu kam, dass die a-Klasse auch von den Lehrern anders gesehen wurde und daher waren wir auch anders bzw. fühlten uns auf jeden Fall so. Machten alle anderen ihre Klassenfahrt in der 10. Klasse nach Berlin, sind wir in die DDR gefahren. Ich bin also meinem Lehrer in der 4. Klasse immer noch dankbar, dass ich diese Wahl getroffen habe und bin überzeugt, ohne Latein damals wäre mein Leben anders verlaufen.

Und was würden Sie schreiben? Wir alle erzählen Geschichten. Unser Leben verläuft in Geschichten. Geschichten darüber, wie wir wurden, was wir sind. Wie Dinge geglückt sind. Geschichten über das Scheitern. Geschichten übers Wiederaufrappeln. Das ist gerade auch im Coaching spannend. Welche Geschichten werden wie erzählt. Wo liegt der Fokus? Ist es die Geschichte von Kompetenz, von Glück oder Erfolg? Oder ist es die Geschichte von Pech, unglücklichen Umständen oder ganz anderen Dingen. Ist es die eigene Geschichte oder die Geschichte von anderen. In den Sitzungen geht es dann auch darum, Geschichten neu oder anders zu erzählen.

Also: Welche Geschichte erzählen Sie über sich? Und welche würde Sie gern neu erzählen?