Nehmen Sie doch mal das andere Ohr!


Wieso es sich lohnt, nicht nur zwei sondern vier Ohren zu haben.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen: Ich habe doch nur zwei und ich höre mit beiden ganz gut.

Da haben Sie natürlich recht! Und doch hören Sie alle Aussagen Ihrer Mitmenschen mit vier Ohren. Mit einem vermutlich stärker ausgeprägt, mit einem anderen womöglich gar nicht. Für eine gelungene Kommunikation und gute Beziehungen zu ihren Freunden, Kollegen und innerhalb der Familie kann es hilfreich sein, bewusst auch mal auf allen Ohren zu hören. Der Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade von Veronika Krytzner zum Thema „Zuhören“.

 

Das Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun

Dieses Modell hat Friedemann Schulz von Thun in seinem Buch „Miteinander reden“ sehr anschaulich beschrieben und es ist mittlerweile ein Klassiker in Kommunikationsseminaren. Und vor allem immer noch eine gute Anregung, die eigenen Kommunikationsmuster zu hinterfragen.

Nehmen wir als Beispiel den Satz „Das Eis schmeckt sehr gut.“, den eine Person, die vor einer Eisdiele steht, zu Ihnen sagt. Auch dieser simple Satz beinhaltet diese vier Ebenen. Auf der Sachebene will die Person damit ausdrücken, dass der Geschmack und die Qualität des Eises gut ist.
Auf der Selbstoffenbarungsebene will sie vielleicht damit ausdrücken, dass sie Feinschmecker ist, sich mit Eis auskennt… Auf der Beziehungsebene kann es sein, dass sie vermutet, Sie würden auch ein Eis wollen und will Sie beraten oder aber, die Person will einfach einen Kontakt herstellen. Und zu guter Letzt auf der Appellebene will sie Sie vielleicht nur ermuntern, sich auch ein Eis zu kaufen. Vielleicht arbeitet sie ja in der Eisdiele.

 

Nun kommen Sie ins Spiel!

Denn auch Sie haben vier Möglichkeiten, diese Nachricht aufzunehmen, eben mit den besagten vier Ohren:

Gehen wir von einer gelungenen Kommunikation aus, dann kommt auf dem Sach-Ohr bei Ihnen an „Ah, hier gibt es gutes Eis.“ Auf dem Selbstoffenbarungs-Ohr: „Die Person ist anscheinend öfters hier.“ Auf dem Beziehungs-Ohr: „Oh, ich sehe so aus als ob ich auch ein Eis will.“ Und auf dem Appell-Ohr: „Ich sollte mir mal wieder ein Eis gönnen.“
Doch nicht immer nehmen wir die Aussagen unserer Mitmenschen so neutral und auf allen Kanälen gleich wahr. Angenommen Sie sind gerade auf Diät, könnte die Nachricht auf dem Beziehungs-Ohr bei Ihnen so ankommen: „Da ich so dick aussehe, meint der wohl, ich esse ständig Eis.“ Der Satz kommt als Kränkung an, nur weil einem das eigene Selbstwertgefühl einen Streich spielt.

Hier empfiehlt es sich, mal bewusst wahrzunehmen, welches Ohr jetzt die Hauptrolle übernommen hat und was bei den anderen Ohren so ankommt.

 

Wann sollten Sie noch darauf achten, welches Ohr Sie gerade nutzen?

Wenn Sie sich häufig gekränkt fühlen.
Als Beispiel: Der Partner oder die Partnerin kommt nach Hause und geht schlecht gelaunt gleich in sein Zimmer. Nun können Sie das auf dem Beziehungs-Ohr wahrnehmen, z.B. „Wieso ist der schon wieder sauer auf mich?“ Oder aber Sie hören mit dem Selbstoffenbarungs-Ohr hin und nehmen z.B. wahr „Ich hatte Ärger in der Arbeit und brauche erst mal Zeit zum Runterkommen.“

Wenn Sie das Gefühl haben, immer zuviel Arbeit aufgebürdet zu bekommen.
Auch hier ein Beispiel: Die Chefin erzählt in der Besprechung, dass die Website einen Relaunch benötigen würde. Vielleicht wollte sie damit nur sagen, dass es ihr aufgefallen sei, dass die Seite nicht mehr aktuell sei. Doch Ihr Appell-Ohr ist bereits angesprungen und Sie hören sich sagen „Ich kümmere mich drum.“ Peng, schon haben Sie ein neues Projekt an der Backe, womöglich noch gar nicht gewünscht und Sie schlagen sich mit Verzögerungen und anderen Hindernissen rum. Und wundern sich, weshalb Sie neben der ganzen Arbeit auch noch miese Stimmung im Team haben.

Es lohnt sich also, erstmal tief durchzuatmen und zu schauen, mit welchem Ohr höre ich gerade zu. Das Ziel ist, gut für sich sorgen und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu spüren. Denn natürlich sind manche Nachrichten ganz bewusst appellativ ausgelegt. Doch Sie haben es auch in der Hand zu entscheiden, wie sie mit Aussagen umgehen.

Nehmen wir noch mal die Aussage der Chefin aus dem obigen Beispiel. Vielleicht versucht sie Aufgaben öfters so zu delegieren. Wenn Sie dies wissen, können Sie bewusst entscheiden, wie Sie damit umgehen wollen. Vielleicht erst einmal auf der Sachebene bleiben und sich mit den Kollegen austauschen, was eine neue Website haben sollte. Oder Sie antworten auf der Beziehungs- und Selbstoffenbarungsebene und berichten von den Projekten, die Sie gerade erfolgreich bearbeiten.

Je nachdem welche Ebene Sie ansprechen, ändert sich der Fokus Ihre Kommunikation. Im Idealfall beziehen Sie natürlich alle Ebenen mit ein. Denn es ist auf Dauer nicht hilfreich, z.B. nur auf der Sachebene zu bleiben und keine Beziehung zum Gegenüber aufzubauen. Oder jede Aussage auf ihre Selbstoffenbarung hin zu überprüfen. Das wirkt schnell sehr psychologisierend. Die richtige Dosierung ist auch hier wichtig.

Eine kleine Anregung für die Woche: Achten Sie bewusst darauf, mit welchen Ohr Sie bestimmte Informationen wahrnehmen. Was hören Sie? Was löst dies in Ihnen aus? Und was kommt bei Ihnen an, wenn Sie ganz bewusst auch noch die anderen Ohren nutzen? Und wie verändert dies das Miteinander?

Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen, die Sie gerne im Kommentarbereich mitteilen können. Ich freue mich auf Sie!

 

2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Manuela

    herzlichen Dank für Deinen Beitrag zu Blogparade. Ich freue mich, dass Du Dich dem Klassiker Schulz von Thun gewidmet hast und das 4-Ohren-Modell so schön beschrieben hast und auf private und berufliche Sicht bezogen hast.

    Ich mag es, wenn Du schreibst :-). Bitte mehr!

    Von Herzen liebe Grüße
    Veronika

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